Kirchengeograpie - Eine kurze Hinführung zum Thema

Während einerseits von einer „Renaissance der Religion“ die Rede ist, erleben die katholische und die evangelischen Kirchen in Mitteleuropa einen ihrer größten strukturellen Umbrüche. Gleichzeitig ist in der sozialwissenschaftlichen Forschung viel vom „spatial turn“ die Rede, in dessen Zusammenhang man den geographischen Bezügen und Vorstellungen sozialer Prozesse eine neue Beachtung schenkt.

Da die beiden großen christlichen Kirchen als Ortsgemeinden, Bistümer oder Landeskirchen räumlich bzw. territorial organisiert sind, führt der Transformationsprozess bei den Beteiligten auch zur Notwendigkeit, kirchliche Raumstrukturen zu verändern und sich mit neuen Raumbildern des kirchlichen Lebens auseinanderzusetzen.

Geographische Perspektiven - Die Rolle des Raums in der Kirche

Im Verlauf vieler Veränderungsprozesse unter Kirchen und Gemeinden wird häufig darauf verwiesen, dass räumliche Identitäten bzw. Unterschiede zwischen Teilräumen strukturelle Veränderungen erschweren. In wie fern diese geographischen Erschwernisse tatsächlich bestehen oder auch bzw. nur zur Verfolgung von Interessen instrumentalisiert werden, bietet einen erste, politisch-geographische Perspektive auf den Themenbereich Kirche im Raum.

Sozialgeographisch interessant ist die Tatsache, dass der innerkirchlichen Vielfalt an Lebensstilen oft auch eine entsprechend große Vielfalt an kirchlichen Raumvorstellungen gegenübersteht. Dies beruht einerseits auf der unterschiedlichen räumlichen Mobilität der Mitgliedergruppen, andererseits auf unterschiedlichen Vorstellungen davon, wie kirchliche Orte konkret gestaltet sein müssen, damit sie zum Selbstverständnis der jeweiligen Lebensstilgruppen passen.

Wirtschaftsgeographisch, aber auch raumplanerisch stellt sich die Frage, wie viel räumliche Dezentralität und Zentralisierung der Kirchen bei schwindenden Finanzmitteln möglich bzw. erforderlich sind. In einigen dünn besiedelten Abwanderungsgebieten Ostdeutschlands stellt sich die raumplanerische Frage, welches räumliche Organisationsprinzip für die Kirchen künftig sinnvoll ist, wenn das bisherige Prinzip der Flächendeckung nicht mehr aufrechterhalten werden kann.

Theologische Perspektiven - Die Rolle der Kirche im Raum

Auch im theologischen Selbstverständnis der Kirchen spielt der Raum eine wichtige Rolle. In der christlichen Überlieferung spielen Raum- und Landschaftsvorstellungen eine wichtige Rolle. Ihre Bedeutung für die kirchliche Überlieferung, aber auch ihre Wirkung auf heutige kirchliche Raumvorstellungen ist nicht nur aus geographischer Sicht von Interesse. Umgekehrt vermittelt der Blick auf die geographische Struktur kirchlicher Raumeinheiten Eindrücke von Lebensvorstellungen und Lebensfragen, die auch eine religiöse Dimension enthalten. Einer Kirche, die ihre Verkündigung auch als ein Antworten auf die Lebensfragen der Menschen und ihrer Zeit versteht, kann das Lesen im Raum wichtige Anhaltspunkte geben, wie diese Antworten ausfallen könnten.

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